DIE LEHREN DES LAOTSE
Richard Wilhelm

Kommentar (1925) zum Taoteking

II. Die Welt der Erscheinungen
III. Von der Erlangung des Tao

I. Das TAO
Der altchinesische Theismus hatte gelehrt, daß im Himmel ein Gott sitze, von dem die Welt schlechthin abhängig sei, der die Guten belohne und die Bösen bestrafe. Dieser Gott hatte menschliches Bewußtsein, er duldete die auserwählten Heiligen, wie König Wen, in seiner Umgebung, er konnte zornig werden und strafen, wenn die Menschen böse waren, schließlich verzieh er ihnen aber immer wieder und erbarmte sich über sie, wenn ihr Priester und Stellvertreter, der Himmelssohn, in der rechten Weise sich reinigte und mit Opfern ihm nahte.
Außer diesem Vater im Himmel, dem die Erde als Mutter beigesellt war, wenn sie auch nie den monotheistischen Grundgedanken beeinträchtigte, gab es noch eine Menge Natur- und Ahnengeister, die zwar alle vom Himmel abhängig waren, aber doch ihre besonderen Gebiete zu besorgen hatten, ähnlich wie die Beamten unter dem König.

Diese religiöse Anschauung hatte Schiffbruch erlitten unter der Wucht von Ereignissen, die nur schrecklich waren und nirgends einen Gott vom Himmel zeigten, der zugunsten seiner armen, gequälten und doch unschuldigen Menschen eingegriffen hätte. Die chinesische Philosophie beginnt nun in Laotse damit, daß sie den Anthropomorphismus in der Religion radikal beseitigt. Himmel und Erde haben keine menschlichen Gefühle der Liebe. Ihnen sind alle Wesen nur wie stroherne Opferhunde. Ehe die strohernen Hunden bei Opferfesten aufgestellt werden, tut man sie in einen Schrein und umhüllt sie mit Stickereien. Der Totenpriester fastet und reinigt sich, um sie darzubringen. Sind sie aber erst einmal aufgestellt gewesen, so wirft man sie weg, so daß die Vorübergehenden ihnen auf Kopf und Rücken treten und die Reisigsammler sie auflesen und verbrennen. So ist es mit dem Verhältnis der Natur zu allen Lebewesen: Solange ihre Zeit da ist , finden sie von selber den Tisch des Lebens gedeckt, und alles ist bereit für ihren Gebrauch. Aber die Stunde geht vorüber, und sie werden weggeworfen und zertreten, und der Strom des Lebens geht an ihnen vorbei.

Dennoch ist Laotse weit davon entfernt, den Naturverlauf für etwas Zufälliges, Ungeordnetes zu halten. So ist er von allem Skeptizismus und Pessimismus frei. Er ist nicht ein bloßer Bekämpfer der volkstümlichen Religion, sondern er bringt etwas an ihrer Stelle, das sie ersetzen kann. weil es höher ist und weiter führt. Denn aus der alten Weisheit des BUCHS DER WANDLUNGEN hatte er erkannt, daß das Wesen der Welt nicht ein statisch-mechanischer Zustand ist. die Welt ist in stetem Wechsel und Wandel begriffen. Alles was ist, ist eben deshalb dem Tode verfallen: denn Geburt und Tod sind zwar Gegensätze, aber sie sind notwendig aneinander geknüpft. Aber indem alles vergeht, was gewesen ist, ist dennoch kein Grund da zu sagen: «es ist alles ganz eitel»; denn dasselbe Buch der Wandlungen zeigt auch, daß alle Wandlungen nach festen Gesetzen sich vollziehen. Das Buch der Wandlungen enthält die Anschauung, daß die ganze Welt der Erscheinungen auf einem polaren Gegensatz von Kräften beruht; das Schöpferische und das Empfangende, die Eins und die Zwei, das Licht und der Schatten, das Positive und das Negative, das Männliche und das Weibliche, alles sind Erscheinungen der polaren Kräfte, die allen Wechsel und Wandel hervorbringen. Denn diese Kräfte darf man sich nicht als ruhende Urprinzipien vorstellen. Die Anschauung des Buchs der Wandlungen ist weit entfernt von jedem kosmischen Dualismus. Vielmehr sind diese Kräfte selbst in dauerndem Wandel begriffen. Das Eine trennt sich und wird Zwei, die Zwei schließt sich zusammen und wird Eins. Das Schöpferische und das Empfangende vereinigen sich und erzeugen die Welt. So sagt auch Laotse, daß die Eins die zwei erzeugt, die Zwei erzeugt die Drei, und die Drei erzeugt alle Dinge. Im Buch der Wandlungen ist das dadurch dargestellt, daß die ungeteilte Linie des Schöpferischen und die geteilte Linie des Empfangenden zusammentreten zu den dreistufigen acht Urzeichen, aus deren Kombinationen die ganze Welt der möglichen Zeitkonstellationen sich aufbaut.

Aber Laotse entnahm dem Buch der Wandlungen auch, daß dieser Wechsel aller Erscheinungen nicht blinder Zufall ist. Im Buch der Wandlungen ist von einem dreifachen Wandel die Rede:
1. Von einer zyklischen Veränderung wie z.B. der Wechsel der Jahreszeiten eine darstellt. Ein Zustand geht in den anderen über, aber im Verlauf dieses Wechsels tritt der Anfangszustand wieder ein. so folgt auf den Winter der Frühling, der Sommer, der Herbst, aber auf den Herbst folgt wieder der Winter, und damit ist der Kreislauf des Wandels geschloßen. Solche Verwandlungen sind die kosmischen Vorgänge vom Vorrücken und Zurücksinken der Sonne im Tages- und im Jahreslauf, die Abnahme und Zunahme des Mondes, Frühling und Herbst, Geburt und Tod.
2. Die zweite Art der Verwandlungen ist die fortschreitende Entwicklung. Ein Zustand geht fortschreitend in einen anderen über, aber die Linie kehrt nicht in sich zurück, sondern Fortschritt und Entwicklung gehen mit der Zeit immer weiter. So sind die Tage eines Menschen, obwohl sie dem großen Kreislauf der Jahreszeiten eingereiht sind, nicht einander gleich, sondern jeder enthält die Erlebnissumme der vorangehenden plus den neuen Tageserlebnissen.
3. Das dritte endlich ist das unveränderliche Gesetz, das in diesen Wandlungen sich auswirkt. Dieses Gesetz bewirkt, daß alle Bewegungen auf bestimmte Weise in Erscheinung treten. Wenn man die Erscheinungen zwischen Himmel und Erde betrachtet, so wirken sie dem Menschen gegenüber erdrückend in ihrer überwältigenden Größe und Wucht und in ihrer verwirrenden Mannigfaltigkeit und Vielheit. Jenes Gesetz besagt, daß das Prinzip des Schöpferischen die aktive, in der Zeit sich auswirkende Kraft ist. Wenn diese Kraft in Aktion tritt, so geschieht es zunächst ganz leicht und unmerklich, so daß alles gut zu übersehen ist. Erst aus dem Leichten und Minimalen entwickelt sich das Schwere und Wuchtige.

Das Empfangende ist das Prinzip der räumlichen Bewegbarkeit. Wenn es auf die Anregungen des Schöpferischen reagiert, so ist jede räumliche Veränderung ganz einfach und allmählich, so daß sie ohne Verwirrung erkannt werden kann. Erst im weiteren Verlauf steigert sich diese einfache und allmähliche Veränderung zu der verwirrenden Vielheit der Eindrücke. Darum gilt es, bei allem die Keime zu kennen. hier muß man einsetzen, wenn man wirken will, ebenso wie auch alle Wirkungen in der Natur vom Leichten und Einfachen zu Schweren und Mannigfaltigen aufsteigen. Denn bei allen diesen Gesetzen handelt es sich nicht um eine von außen her auferlegte Notwendigkeit, sondern eine immanente, organische Lebendigkeit wirkt ganz von selbst in der Freiheit nach dem Eigengesetz der Entelechie.

Was allen diesen Veränderungen letzten Endes zugrunde liegt, das ist der große Pol (T'ai Gi), die Einheit jenseits aller Zweiheit, alles Geschehens, ja alles Daseins. Die Art der Veränderungen geht auf einem festen sinnvollen Wege (Tao) vor sich, dem Weg des Himmels (T'ien Tao), dem auf Erden der Weg des Menschen (Jen Tao) entspricht. Denn das ist der durchgehende Grundsatz des Buches der Wandlungen, daß eine allgemeine Beziehung und Harmonie zwischen Makrokosmos und Mikrokosmos, zwischen den Bildern, die der Himmel herabsendet, und den Kulturgedanken, die die Heiligen in ihrer Nachbildung gestalten, besteht. Wir sehen hier im Buch der Wandlungen noch die astronomisch-astrologische Grundlage, die der chinesischen Religion eigen war, durchschimmern, in der Konzeption vom Weg des Himmels und dem Weg des Menschen. Diese Ideen finden sich in der Philosophie des Konfuzius weiter ausgebildet. Aber auch Laotse baut seine Philosophie auf ihnen auf. Denn eine Philosophie hatte Laotse, auch wenn er nur einige Aphorismen hinterlassen hat; diese Aphorismen enthalten ein streng geschloßenes System, das jedem offenbar wird, der seine Zusammenhänge zu überschauen vermag.

Laotse sucht zunächst nach einem Grundprinzip seiner Weltauffassung. Der Konfuzianismus hatte beim Himmel halt gemacht. Der Himmel war ein irgendwie persönlich gedachtes Wesen. Er war zwar höher und reiner aufgefaßt als der Gott der Volksreligion, Schang Ti, der zum Teil sehr stark anthropomorphe Züge trug; aber Konfuzius hatte in Momenten höchster Spannung immer so gesprochen, daß man deutlich seine religiösen Beziehungen merkt zu dem Himmel, der ihn «kennt», der ihm die Überlieferung der Kultur anvertraut hat, zu dem man beten kann, wenn man in inneren Krisen steht.
Für Laotse war der Himmel immer noch nicht das Höchste und Letzte. Das Höchste und Letzte war auch über die Persönlichkeit, ja über jedes irgendwie wahrnehmbare und definierbare Sein erhaben. Es war nicht ein Etwas neben oder über anderen Dingen. Es war aber auch nicht ein Nichts, sondern es war etwas, das sich den menschlichen Denkformen schlechthin entzog.
Für ein Deratiges gibt es natürlich keinen Namen, da ja alle Namen erst aus Erlebnissen stammen, jenes aber erst alle Erlebnisse möglich macht. Nur um davon zu sprechen, hat er es schließlich Tao genannt, aus Not, weil er keinen besseren Ausdruck hatte, und hat es als groß bezeichnet. Damit hat er einen vorhandenen Ausdruck übernommen und umgebildet. Das Tao des Himmels und das Tao des Menschen waren seit alters bekannt, aber nicht das absolute Tao. Tao heißt Weg. Aber man kann es im Sinn von Laotse nicht ohne weiteres mit Weg oder gar Pfad übersetzen.
Es gibt im Chinesischen zwei Worte für Weg. Das eine heißt Lu. Es wird geschrieben durch Kombination der Symbole für «Fuß» und «jeder». Es ist das, was jeder Fuß betritt; der Weg, der eben dadurch entsteht, daß er begangen wird. Dieser Ausdruck könnte im übertragenem Sinn etwa für den modernen Begriff des Naturgesetzes gebraucht werden, das ja auch dadurch als bestehend aufgefaßt wird, daß die Ereignisse sich in dieser Richtung zu bewegen pflegen.
Das andere Wort für Weg ist das Wort Tao. Es wird geschrieben durch Kombination der Symbole «Kopf» und «gehen». Daraus ergibt sich eine von dem Worte «Lu» wesentlich abweichende Bedeutung. Es bedeutet den Weg, der an ein Ziel führt, die Richtung, den gewiesenen Weg. Es bedeutet gleichzeitig auch «reden» und «leiten». Es scheint, daß das Zeichen zuerst von den astronomischen Bahnen der Gestirne gebraucht worden ist. Der Äquator heißt seit alters der «rote Weg», die Ekliptik «der gelbe Weg». Diese Wege sind aber nicht zufällig. Sie haben eine Bedeutung, einen Sinn. Und so gebraucht Laotse das Wort. Das Tao ist nicht etwas Materielles oder Spirituelles, aber von ihm kommt alle Sinngebung. Es ist das letzte Freie, das sich nur nach sich selbst richtet, während alles andere seinen Sinn von etwas außer ihm bekommt: der Mensch durch die Erde, die Erde durch den Himmel, der Himmel durch das Tao.

Wenn Laotse vom Tao redet, so ist er besorgt, alles zu entfernen, was an ein Dasein irgendwelcher Art erinnern könnte. Es ist auf einer ganz anderen Ebene als alles, was zur Welt der Erscheinung gehört. Es ist eher da als Himmel und Erde, man kann nicht sagen, woher es stammt, es ist noch früher als Gott. Es beruht auf sich selbst, ist unveränderlich, in ewigem Kreislauf begriffen. Es ist der Anfang von Himmel und Erde, d.h. des zeitlichen und räumlichen Daseins. Es ist die Mutter aller Geschöpfe, ein andermal wird es auch als der Ahn aller Wesen bezeichnet. Ein alter Spruch wird angeführt, in dem es verglichen wird mit dem Geiste des leeren Tals, mit dem geheimnisvoll Weiblichen, das wie ein Wasserfall ununterbrochen fließt als wie beharrend und dessen geheimnisvolles Tor die Wurzel von Himmel und Erde ist. Diese Konzeption beruht wohl auf einem alten Zauberspruch zur Beschwörung des Geistes des Zeichens Kan.
Dieses Zeichen ist eines der acht Urzeichen des Buchs der Wandlungen. Es bedeutet den Mond und das zwischen steilen Ufern fließende himmlische Wasser. Es ist das Dunkel-Geheimnisvolle, Gefährliche, Abgründige, die höchste, bewegliche Weisheit, das Unerschöpfliche. Ursprünglich war es weiblich gedacht. Erst um die Wende des 2. Jahrtausends wurde es als männlich bezeichnet. Es steht im Norden oder im Westen, immer auf der dunkeln Hälfte des Kreislaufs. Sein Symbol am Sternhimmel ist der dunkle Krieger, eine geheimnisvolle Vereinigung von Schlange und Schildkröte. Es war ohne Zweifel in alter Zeit schwarze Magie, die sich an dieses Zeichen knüpfte. Bei Liä Dsi wird der Spruch als aus den Schriften des Huang Ti stammend zitiert. Wohl möglich, daß auch Laotse ihn zitierte, wie denn manches im Taoteking Zitat ist. Für Laotse waren in diesem Spruch gewisse übereinstimmende Züge mit dem, was er als Tao versteht, so daß er ihn als Gleichnis verwendet. Auch sonst vergleicht er das Tao mit dem Wasser, das dadurch so mächtig ist, daß es unten weilt und an Plätzen, die sonst allgemein verabscheut werden, oder er findet im Tal, im Meer, in den tiefen Strömen ein Gleichnis des Tao, denn sie alle halten sich unten und können alles Wasser, das in sie einfließt, aufnehmen, ohne voll zu werden oder überzulaufen. Denn auch das Tao ist leer und wird nie voll.
Obwohl dem Tao die Existenz abgesprochen wird, so ist es doch auch nicht einfach Nichts. Denn aus Nichts kann nichts werden. Das Tao ist zwar nicht zeitlich und nicht räumlich: schaut man danach, so sieht man es nicht, horcht man darauf, so hört man es nicht, greift man danach, so fühlt man es nicht. Aber in diesem nicht Räumlichen und Nichtzeitlichen ist doch irgendwie eine Mannigfaltigkeit angelegt. Denn wenn man auch nicht sieht, hört und fühlt, so ist doch etwas im Tao, das als Einheit diesen Sinnesmannigfaltigkeiten entspricht: Gestalten, Bilder, aber gestaltlose, dinglose. Man kann am Tao weder Kopf noch Rücken unterscheiden. Oft scheint es, als wäre es da, dann wieder zieht es sich zurück ins Nichtwesen. Es ist also auf einer Ebene jenseits von Sein und Nichtsein. Es ist nichts Wirkliches; denn dann wäre es ein Ding neben den anderen Dingen. Es ist aber auch nicht so unwirklich, daß die wirklichen Dinge nicht aus ihm hervorgehen können.
Es sind daher keinerlei direkte Aussagen über das Tao möglich. Jede direkte Aussage ist falsch, weil es jenseits des Prädizierbaren ist. Darum ist auch Laotse dauernd bemüht, seine Aussagen zu limitieren. Er spricht in Gleichnissen. Er sagt: «es scheint», «man kann es nennen», «es ist wie», «es ist ungefähr wie» ..., kurz, er gebraucht lauter unbestimmte, eingeschränkte Bezeichnungen. Denn das Tao kann überhaupt nicht erkannt und gewußt werden. Alle Aussagen sind nur Hinweise auf ein unmittelbares Erleben, das sich nicht mit Worten beschreiben läßt.
Ebendeshalb ist der Ausdruck «Tao» auch kein Begriff. Das Erleben, das damit bezeichnet wird, geht über alle Begriffe hinaus, denn es ist unmittelbar. Es ist auch kein Gegenstand des Studiums. Wer es kennt, spricht nicht darüber, und wer darüber spricht, kennt es nicht. je mehr man es umschreibt und definieren will, desto weiter kommt man von ihm weg. Darum ist der Weg zum Tao gerade entgegengesetzt wie der Weg des Lernens. Durch Lernen häuft man Erfahrungen an und gewinnt eine immer größere Fülle, je weiter man kommt. Dagegen wenn man sich dem Tao zuwendet, so verringert man immer mehr, was man an bewußten Erfahrungen zur Verfügung hat, bis man ankommt beim Nichtsmachen. Treibt man das Nichtsmachen, so bleibt nichts ungemacht. Es macht sich dann alles von selber.
Bei diesem Verhältnis ist sich Laotse aber sehr wohl bewußt, daß es sich um keine wissenschaftliche Errungenschaft handelt bei seinem Tao. Höchste Menschen, wenn sie davon hören, so tun sie danach. Geringere werden zweifelhaft, bald halten sie es fest, bald entgeht es ihnen wieder. Gemeine, wenn sie davon hören, so lachen sie laut. Wenn sie nicht lachen, so war es noch nicht das wirkliche Tao.
Fragen wir nun, was Laotse mit dem Tao gemeint hat, so müßen wir auf mystische Erlebnisse zurückgehen, um zum Verständnis zu gelangen. Es ist eine ähnliche Konzeption, wie wir sie auch im Mahayana-Buddhismus finden. Durch Sammlung und Meditation kommt man zu dem Zustand des Samadhi, in dem die Psyche über das Bewußtsein hinaus ist und in die Sphären des Überbewußtseins eintaucht. Diese Erlebnisse führen, wenn sie echt sind, tatsächlich in Tiefen des Seins, die über die gesamte Welt der Erscheinungen hinausgehen. Die äußere Form dieser Hergänge ist ja durch gewisse Vorgänge aus der Parapsychologie bekannt und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung geworden. Das Erleben des Tao selbst kann dagegen nie Gegenstand der wissenschaftlichen Erforschung werden. Es handelt sich hier um ein Urphänomen im höchsten Sinn, das man nur erfurchtsvoll anstaunen, aber weder ableiten noch ergründen kann. Es ist mit der Erfahrung des Tao wie mit allen unmittelbaren Erlebnissen. Wenn ich z.B. die Empfindung gelb oder blau habe, so lassen sich die Vorgänge im Auge, bei denen diese Empfindung eintritt, vielleicht untersuchen - wie wohl auch hier die Hypothese eine breiten Spielraum behält -, aber über die Empfindung ist damit noch gar nichts ausgesagt. Und es wird nie gelingen , jemand, der dieses Erleben nicht hat, einen Begriff davon zu geben. Genau so verhält es sich mit dem Tao. Alle Parapsychologie kann uns zu dem Erlebnis nicht verhelfen. Man muß es gemacht haben, um es zu verstehen. Wem aber ein entsprechendes Erleben zu Gebote steht, für den sind die Ausführungen von Laotse unmittelbar verständlich und geeignet, ihn auf seinem Wege weiter zu bringen.
Laotse schreibt dem Tao nicht nur psychologische, sondern kosmische Bedeutung zu. Damit hat er insofern recht, als ja der Kosmos nichts Objektives und unabhängig vom Erleben Vorhandenes ist. Jeder Organismus hat seine Umwelt, je nach den schöpferischen Werkzeugen, die ihm dafür zur Verfügung stehen. Indem laotse sein Tao so faßt, daß es nicht irgendwie oder irgendwo festgelegt ist, gibt er damit die Bedingungen für jedes Erleben und damit für jeden Kosmos. Denn alles Erleben beruht auf Sinngebung, und Tao ist eben der Sinn, der allem, was ist, seine Bedeutung verleiht, und damit alles , was ist, in die Existenz ruft. Das Tao erzeugt alles Erzeugte, aber es ist als das, was das Erzeugende erzeugt, noch nie in die Erscheinung getreten.
Laotse stellt nun seine Behauptungen über das Tao nicht einfach als apodiktische Behauptungen auf. Er kann zwar der Natur der Sache nach keine Beweise dafür bringen, aber er deutet die Wege an, auf denen man zu dem Erleben des Tao kommen kann. Diese Wege sollen weiter unten aufgezeigt werden. Zunächst ist von Wichtigkeit, daß wir von der metaphysischen und metapsychischen Welt weitergehen zu der Welt der Erscheinungen.

II. Die Welt der Erscheinungen
Das Wesen, das Tao, ist in der Wirklichkeit ausgebreitet als Welt der Erscheinungen. Diese Welt kann Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung sein; denn in ihr finden sich die Dinge, deren Dasein die Möglichkeit begrifflicher Bezeichnung gibt. Die Welt der Wirklichkeit ist aber nicht etwas vom Tao Verschiedenes. Laotse ist fern von jeder Theorie einer Emanation der irdischen Welt aus einer höheren Welt. Denn die Welt des Tao ist nicht die abstrakte Einheit, sondern wie wir gesehen haben, sind in ihr Mannigfaltigjeiten angelegt. Im Tao sind Bilder, Dinge, Samen. Freilich sind diese Bilder nicht getrennte Sondererscheinungen, sondern sie sind potentiell in dem einheitlichen Tao angelegt. Aber diese Dinge und Bilder sind es, die als Samenkräfte der Wirklichkeit die Erscheinungen bedingen, die sich in unserer Welt finden.
Um zu verstehen, was Laotse mit diesen Bildern meint, muß man die Platonische Ideenlehre heranziehen. Allerdings ist der Unterschied vorhanden, daß die Ideenlehre bei Laotse nicht dialektisch entwickelt wird. Es ist keine irgendwie geartete Abstraktion, durch die er auf seinen Gedanken kommt, sondern es ist eine primäre Schau aus inneren Tiefen heraus, die ihm jene «Bilder» zeigt. Diese Bilder sind unkörperlich, unräumlich. Sie sind nur wie die vorüberhuschenden Bilder auf der klaren Fläche eines Spiegels. Diese Bilder von Dingen sind die Samen der Wirklichkeit. Wie im Samenkorn der Baum enthalten ist, unfaßbar, unsichtbar und doch vollkommen eindeutig als Entelechie, so sind in in diesen Samen-Bildern die Dinge der Wirklichkeit enthalten. Sie treten zuweilen hervor und entwickeln sich dann auf ganz bestimmte Art, denn diese Samen sind ganz echt, in ihnen ist die Zuverlässigkeit des Geschehens begründet; es kommt nie vor, daß aus dem Samen der einen Art ein Ding der anderen Art hervorginge. Aber auch wenn sie auf diese Weise hervortreten, so erstarren sie nie im Sein, sie kehren wieder zurück ins Undingliche und lassen die Schalen der Erscheinungen, die sie einst besselt haben, tot und leer zurück. Doch das Leben ist nicht gestorben, auch wenn die «strohernen Hunde» der Erscheinungen weggeworfen und zertreten werden.
Wir sehen in dieser Ideenlehre des Laotse eine Fortentwicklung der Lehre von den Keimen, wie sie im Buch der Wandlungen enthalten ist. Was dort als Keim bezeichnet ist, aus dem nach dem festen Gesetz der Wandlungen sich eine sukzessive Reihe von Vorgängen entwickelt, ist bei Laotse das Bild, das als unsichtbares immanentes Gesetz das Werden und Vergehen der Dinge der Wirklichkeit leitet.
Eine merkwürdige Ableitung dieses Geschehens, die oben schon erwähnt ist, gibt er gelegentlich, ebenfalls im Anschluß an das Buch der Wandlungen, nämlich wenn er sagt, die Eins erzeugt die Zwei, die Zwei erzeugt die Drei, und die Drei erzeugt alle Dinge. Hier ist der Vorgang der Setzung entwickelt. Indem die Eins als Entscheidung, als Grenze, als Linie oder sonstwie gesetzt wird, ist damit das andere, das nicht eins ist, gleichzeitig gegeben. Durch Hervortreten des Einen wird das Zweite erzeugt. Indem aber die Zwei zur Eins tritt, entsteht die Drei. Diese Drei bildet dann wieder eine Einheit erweiterter Art, die eine Mannigfaltigkeit bereits in sich schließt. Darüber hinaus läßt sich der Vorgang nicht fortsetzen, ohne daß man auf eine Mehrheit kommt. Daher heißt es: Die Drei erzeugt alle Dinge.
Um diese Spekulation zu verstehen, genügt es, in der alten Philosophie auf den Neuplatonismus hinzuweisen. auch die altchristliche Spekulation über die Trinität, deren Weiterbildung zur Vier den Luzifer erzeugt, hat Verwandtschaft mit diesem Gedanken. Ja, bis in die neue zeit ragen ähnliche Auffassungen herein. Die dialektische Bewegung hegels, die aus These, Antthese und Synthese besteht, wobei die Synthes als These wieder Ausgangspunkt des weiteren wird, beruht genau auf derselben Auffassung, die Latse ausspricht.
Diese beiden Urkräfte, aus denen als Drittes die sichtbare Welt geboren wird, sind Himmel und Erde, das Yang (die lichte Kraft) und das Yin (die dunkle Kraft), positive und negative Reihe, das Zeitliche und das Räumliche: kurzum die Gegensätze, aus denen jeweils das Erscheinende hervorgeht. Himmel und Erde werden mit einem flötenartigen Instrument verglichen, das geblasen wird. Es ist selber leer, aber durch das Blasen entquellen ihm Töne, je mehr man bläst, desto mannigfaltigere. die ganzen unendlichen Melodien kommen hervor in ununterbrochener Folge, aber sie sind gebannt durch das Instrument, das doch selbser nicht Ton ist. Die Flöte ist die Erde, der hauch ist der Himmel. Wer aber setzt den Hauch in Bewegung? Wer ist der große Flötenspieler, der aus dieser Zauberflöte die bunte Welt hervorlockt? Es ist letzten Endes das Tao. Nicht irgend eine äußere Ursache liegt ihm zugrunde, sondern in freier Natürlichkeit bewegt es sich aus seinem eigenen innersten Wesen heraus.
So nimmt das Tao in der Welt der Erscheinungen eine Doppelstellung ein. Es entläßt die Samen der Ideen ins Dasein, wo sie sich zu Dingen, die im Raum und in der Zeit ausgebreitet sind, entfalten. Es ist der große Flötenspieler mit seiner Zauberflöte. Es ist der Ahn aller Geschöpfe, die Wurzel von Himmel und Erde, die Mutter aller Dinge. So hat es eine dem Dasein zugewandte Seite. Aber wollte man es fassen, schauen oder belauschen, so wäre das doch nicht möglich. Es zieht sich wieder zurück ins Nichtwesen, wo es unerreichbar und ewig ist. Denn alle Dinge unter dem Himmel enstehen aus Seiendem. Das Seiende aber entsteht aus dem Nichtseienden und kehrt ins «Nichtseiende» zurück, mit dem es nie aufhört. wurzelhaft verknüpft zu sein. Denn dieses «nichtseiende» Tao ist die Triebkraft alles dessen, was in der Erscheinungswelt sich bewegt. Die Funktion, die Wirkung alles «Seienden» beruht auf dem «Nichtsein». Durch die leeren Räume wird sozusagen die Wirklichkeit aufgelockert und damit brauchbar, wie die Radnabe darurch, das sie «nichts», d.h. leer ist, die Wagenräder drehbar macht, oder die Gefäße, die Zimmer eben durch das «Nichts», das an ihnen ist, durch den hohlen Raum brauchbar werden. So wirkt das Tao in der Welt der Erscheinungen eben durch das Nichthandeln.
Nachdem wir verfolgt haben, wie aus dem Tao durch die Vermittlung der Ideendie Welt der Erscheinungen «hervorgeht», bleibt noch übrig, einen Blick auf die Erkenntnistheorie bzw. die Lehre von den Begriffen, wie sie bei Laotse vorhanden ist, zu werfen. In der chinesische Philosophie jener Zeit spielt das Problem vom Verhältnis von «Name und Wirklichkeit» eine große Rolle. Während sich unter den späteren Rationalisten immer mehr der Nominalismus ausbreitet, nach dem der «Name» etwas rein Willkürliches ist, das die Wirklichkeit niemals erreicht, ist die klassische Philosophie des Kungtse und des Laotse darin vollkommen einig, daß die Begriffe, die «Namen», irgendwie der Wirklichkeit entsprechen, bzw. daß sie mit ihr in Übereinstimmung gebracht werden können, so daß sie das Mittel der Ordnung der Wirklichkeit werden. So ist die «Richtigstellung der Begriffe» für Konfuzius das wichtigste Mittel für die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, die empirischen Bezeichnungen müßen in Einklang gebracht werden mit den rationalen Bezeichnungen, dann kommt die Gesellschaft in Ordnung. So muß z.B. in der Familie der Mann, der die Bezeichnung «Vater» hat, so beschaffen sein, wie es im vernunftgemäßen Begriff des Vaters liegt, ebenso muß der Sohn Sohn sein und die übrigen Familienmitglieder so, wie es ihrer Stellung entspricht; dann kommt die Familie in Ordnung. Ähnlich muß es auf allen Gebieten sein, damit Ordnung entsteht. Auch dieser Gedanke entstammt dem Buch der Wandlungen. Dort herrscht die Vorstellung, daß der Himmel die «Bilder», d.h. die Urbilder zeigt, die die berufenen Führer und Propheten zum Richtmaß ihrer Kultureinrichtungen («Abbilder») nehmen. So bilden z.B. die zeichen des Buchs der Wandlungen die möglichen Weltsituationen ab, und deshalb kann man aus den Gesetzen ihrer Wandlungen auf die Art der Wandlung der kosmischen Situation schließen.
Bei Laotse findet sich nun ebenfalls eine Begriffslehre. Die «Bilder», die im Tao immanent gegenwärtig sind, können irgenwie durch «Namen» bezeichnet werden, nur sind diese Namen sozusagen unaussprechbare Geheimnamen. Sie lassen sich ebensowenig nennen, wie das Tao ausgesprochen werden kann. natürlich gibt es auch Namen, die man nennen kann, aber das sind nicht die höchsten , ewigen Namen. Immerhin kommen auch die nennbaren namen, wenn sie recht gewählt sind, dem Sein irgendwie nahe, und sei es auch nur als «Gäste der Wirklichkeit», nicht als ihre Herren.Durch diese Namen kann dann auch irgendwie Ordnung geschaffen werden, irgendwie die Tradition weitergegeben und damit die Kontinuität des menschlichen Geschehens gewahrt werden.
So kann z.B. die Welt des Wesens mit dem Namen des «Nichtseins» belegt werden und die Welt der Erscheinungen mit dem Namen des «Seins». Das «Nichtsein» ist dann der Anfang von Himmel und Erde, das «Sein» die Mutter aller Wesen. Wenn man sich daher auf das «Nichtsein» konzentriert, so schaut man die Geheimnisse des Wesens, wenn man sich auf das «Sein» konzentriert, so schaut man die äußere, räumliche Erscheinung der Dinge. Doch darf man nicht denken, daß es sich um eine doppelte Welt, ein Diesseits und ein Jenseits handele. Vielmehr liegt der Unterschied nur im «Namen». Der Name der einen ist «Sein», der Name der anderen ist «Nichtsein». Aber obwohl die Namen verschieden sind, so handelt es sich doch um einen und denselben Tatbestand: das dunkle Geheimnis, aus dessen Tiefen alle Wunder emporquellen.
Wenn man aber nennbare Namen hat, so hat man in ihnen Werkzeuge der Erkenntnis. Durch die Begriffe, die den Dingen als Namen beigelegt werden, hat man das Mittel, um ein Ding festzuhalten und beim Denken statt des Dings den Namen einsetzen zu können, wie man in der Algebra statt der Zahlen Buchstaben einsetzt und in ihnen Gesetze als Formeln ausdrücken kann, denen sich die Zahlen fügen müßen. Solange die Namen an der Wirklichkeit, d.h. an den Dingen ihr Korrektiv haben, so lange sind sie brauchbar. Man kann sie benutzen um die Erkenntnisse zu definieren. Freilich hat jede solche Definition die notwendige Eigentümlichkeit der Zerteilung. Wenn alle Menschen das Schöne als schön erkennen, so ist damit schon das Häßliche gegeben. Das Wissen wird durch Vergleichen und Definieren gewonnen und ist daher notwendig gebunden an die Welt der Erscheinungen, die in polare Gegensatzpaare aufgesplittet ist.
Aber das führt noch weiter. Indem der Mensch in den Begriffen Werkzeuge des Wissens der Wirklichkeit hat, kann er diese Begriffe schließlich auch selbständig handhaben. Er kann Begriffe erzeugen, denen in seiner Wirklichkeit kein Urbild entspricht. Er kann Dinge, die in einem anderen Seinszusammenhang stehen, isolieren und so etwas, das nicht ist, als Ziel und Zweck des Strebens aufstellen. Damit werden die Namen zu den Erzeugern des Begehrens. Man kann mit ihrer Hilfe nicht nur feststellen , was man hat, sondern auch, was man nicht hat. Hier liegt für Laotse der Sündenfall der Erkenntnis. Denn der Wirklichkeit, die, wenn sie auch Erscheinung und Außenseite des Tao ist, dennoch irgendwie mit dem Tao in Verbindung steht, tritt nun eine Welt der Zwecke gegenüber, die nicht wirklich sind, aber begehrt werden und durch menschliche Tätigkeit erlangt werden sollen. Auf diese Weise entstewht das Begehren nach fremden Eigentum. Aber indem der Besitzer dieses Eigentum nicht ohne weiteres hergeben will, entsteht Streit und Kampf und schließlich Raub und Mord und damit das Gegenteil vom Tao.
So wird für Laotse aus der Welt der Erscheinung die Welt des Bösen durch das Begehren, das an das Vorhandensein der Namen geknüpft ist. Damit kommen die Menschen aber in ein Gewirre des Irrtums. Die Wahrnehmungen sind jetzt nicht mehr reine Vorstellungen, bei denen der Wille schweigt, sondern sie blenden und verführen, und der Wahn des Begehrens macht die Menschen toll. Der Verstand arbeitet, die Erkenntnisse mehren sich. Aber je schärfer der Verstand arbeitet, je schärfer die Erkenntnisse werden, desto weiter kommt die Menschheit vom Sinn weg. Darum ist Laotse der Meinung, daß man nicht Kultur und Wissen soll, sondern die harmlose Einfügung in den Zusammenhang der Natur. Gegenüber der übertriebenen Entwicklung des Rationellen gilt es zurückzukehren zur namenlosen Einfalt, zu dem Zustand, da man das Tao sich noch harmlos auswirken läßt, ohne es durch Namen bezeichnen zu wollen, da die Verbindung wieder hergestellt ist zwischen der großen Mutter und ihrem Kinde, dem Menschen.

III. Von der Erlangung des Tao
Laotse ist weit davon entfernt, eine bloße Theorie des Weltverständnisses zu geben, sondern er will den Weg zeigen, der hinausführt aus den Wirren der Welt der Erscheinungen, hinein ins Ewige. Diesen Weg finden und ihn gehen heißt den Sinn erlangen. Zur Erlangung des Sinns führt ein doppelter Weg: über das Sein und über das Nichtsein Wenn man darauf gerichtet ist, im Sein den Sinn zu finden, so wird man die Erscheinungen so betrachten, daß man nicht darin verwickelt wird. Das sind die äußeren Formen des Tao; alles, was erscheint, ist irgend wie eine Auswirkung des Tao: Hohes und Niedriges, Schönes und Häßliches, Gutes und Böses. Nichts gibt es, das nicht sein Dasein hätte durch das Tao, auch dem geringsten Staub versagt es sich nicht. Aber man wird das Tao in der Wirklichkeit der Erscheinung vergebens suchen, wenn man Zwecke und Absichten hat. je mehr man die Welt durchforscht aus Zwecken und bestimmten Absichten, je mehr man das Begehren pflegt und etwas will und etwas macht, desto mehr wird man verstrickt in die Vereinzelung. Dadurch kommt man aber zum Widersinn, und der ist bald am Ende. Dabei macht es keinen Unterschied, nach welcher Seite man strebt. Ob man Genuß sucht, Farben, Töne, Leckerbissen, aufregende Spiele, seltene Güter: alles bewirkt nur, daß man tiefer in den Wahn verstrickt wird. Ebenso ist es Wahn, wenn man bezweckt, Heilig keit und Weisheit, Liebe und Pflicht, Kunst und Gewinn, Gelehrsarnkeit und Wissen zu pflegen. Denn auch damit ist die Überbetonung des einen Pols gegeben, die mit Notwendigkeit das Hervortreten des andern bewirkt. Wenn alle Menschen das Schöne als schön erkennen und erstreben, so ist damit schon das Häßliche gesetzt. Das Tao ist wie ein Bogenspanner. Es ergänzt jede Einseitigkeit durch ihr Gegenteil. Das Hohe wird nieder gedrückt, das Niedrige hoch gemacht. Des Himmels Sinn ist es, die Fülle zu verringern, den Mangel zu ergänzen. Der Weg durch das Sein zum Sinn führt deshalb durch die Anerkennung der Gegensätze in der Welt der Erscheinung hindurch. je freier man vom Wahn des Begehrens ist, desto freier wird man vom eigenen Ich. Dann schaut man die Welt nicht mehr gepeitscht von Furcht und Hoffnung, sondern rein als Objekt. Man sieht zu, wie alle Dinge sich erheben und groß werden und wie sie immer wieder zurückkehren zu ihrer Wurzel. Man sieht ungeheure Kräfte sich austoben wie Wolkenbrüche und Wirbelstürme; aber ein Wirbelsturm dauert keinen Morgen lang, dann ist er vorüber. Man erkennt, wie die Waffen stark sind und sieglos bleiben, wie der Baum stark ist und gefallt wird. Das Leid ist es, von dem das Glück abhängt. Das Glück ist es, worauf das Leiden lauert. Durch diese Erkenntnisse gelangt man dazu, das Ich auszuschalten; denn dieses kleine Ich, das die Spanne zwischen Geburt und Tod für sein Leben hält, ist der wahre Grund des ganzen Wahns. Indem es für diese Spanne Zeit etwas begehrt und das Begehrte durch die Magie des Namens - durch die erst die Kenntnis des Begehrten kommt und gleichzeitig das Streben danach verursacht wird - verwirklicht, kommen alle die Verwicklungen, die dem Bewußtsein das Tao verdecken. So ist selbst Gnade etwas Beunruhigendes und die Ehre ein großes Leiden: beides nur durch die Persönlichkeit, die alles auf sich bezieht. Dieses Persönlichkeits-Ich muß in ständiger Unruhe sein einerlei ob ihm Gnade widerfährt oder ob es sie verliert, und ebenso geht es mit der Ehre. Wenn man die Persönlichkeit ausschaltet, dann gibt es kein Übel irgendwelcher Art mehr. Denn das Tao wirkt sich mit souveräner Sicherheit aus, auch wenn das Ich durch seine Begierden verfinstert ist: ja diese Begierden selbst sind eine Auswirkung des Tao nach festen Gesetzen. Es kann alles gar nicht anders sein, als es ist. Es handelt sich nur darum, daß man sich den Weg nicht verbaut. So wird die Vorstellung der Welt frei vom Wahn und rein, und man schaut mit innerer Ruhe dem Spiel des Lebens zu. Man weiß ja, daß Leben und Sterben nur Ausgehen und Eingehen ist. Wenn man dem ewigen Gesetz folgt und nirgends haften bleibt, nirgends sich verhärtet und erstarrt, so bleibt man im Flusse des Tao drin, und die Todesmächte, die immer erst dann einsetzen können, wenn sich im Individuellen etwas verfestigt hat, haben keine Gewalt mehr über einen. So ist dieser Weg über das Außere, das Sein, ein Weg zum Tao, das ja im Sein ausgebreitet ist, wenn man frei ist vom Wahn und im reinen Schauen dem Meisterstück der ewigen Mutter zusieht, die ihre Fäden spinnt und quellen läßt wie die Strahlen eines Wasserfalls, unaufhörlich, wie zusammenhängend. Aber man weiß es, der Schleier ist lebendig, er ist im ständigen Wallen, er kennt kein Verweilen, kein Begehren, kein Ich, keine Dauer. Alles fließt. Allein diese reine Schau, die im Vergänglichen den ewigen Sinn an der Arbeit erblickt, ist nur der eine Weg. Der andere Weg führt durch das Nichtsein. Durch ihn gelangt man zum Schauen der geheimen Kräfte, zur Vereinigung mit der Mutter. Was vorher nur Schauspiel war, wird jetzt Erlebnis. Man kommt zum zweitlosen Einen, zu dem dunklen Tor, aus dem Himmel und Erde, alle Wesen und alle Kräfte hervorquellen. Dieser Weg ist der Weg der Einsamkeit und des Schweigens. Hier flammen Erkenntnisse auf, über die man nicht mit anderen reden kann, die man schweigend verehren muß. Dieser Weg des Schweigens führt hinweg von allem Persönlichen. Denn das Persönliche ist ja doch nur die sterbliche Hülle, die man regt, wenn man durchs Leben wandert. Er führt in die Stille, dahin, wo alles Sichtbare sich auflöst in wesenlosen Schein.Er führt aus der Vielheit zurück zur Einheit. Für diesen Weg ist aber eine innere Vorbereitung nötig. Man muß seine Seele so bearbeiten, daß sie das Eine festhalten kann, ohne sich zu zersplittern; denn das ist das Kriterium: wenn ein Weiser höchster Art vom Sinne hört, so hängt er ihm an; wenn ein Weiser niederer Art vom Sinne hört, so schwankt er; bald hat er ihn, bald verliert er ihn wieder. Aber über dieses Schwanken muß man hinauskommen, wenn man den Eintritt erlangen will ins innerste Heiligtum. Die vollkommene Einheit ist das erste. Dann kommt die Geschmeidigmachung der Seelenkräfte. Keine Erstarrung darf bleiben, wie sie bei erzwungenen Einheitszuständen herrscht; denn das Erlebnis muß ganz einfach und leicht kommen. Die inneren Kräfte müssen in Fluß geraten, müssen die Hemmungen überwinden. Man muß werden wie ein Kindlein, das alle Anstrengungen ohne Ermüdung über sich ergehen lassen kann, weil es weich, beweglich, nicht starr ist. Diese Verflüssigung des Innern ist aber keine Zerstreuung, sondern es ist die Stufe, die die Fortdauer der Sammlung zur Voraussetzung hat. Es ist die Entspannung, die nicht mehr fehl gehen kann, weil sie sicher geworden ist. Erst dann ist die Tiefenschau des Wesens möglich; denn nun ist der Spiegel der Seele rein, ohne Flecken und zart, so daß er keinen Eindruck festhalten will, sondern willenlos den Anregungen folgt, die aus den Tiefen auftauchen. Nun erlebt er es, wie des Himmels Tore sich öffnen und schließen. Er schaut das Unsichtbare, er hört das Unhörbare, er fühlt das Ungreifbare. Er ist jenseits des Seins, tief drunten bei den Müttern. Er wird Zeuge der geheimnisvollen Lebensvorgänge und verhält sich still und duldsam wie ein Vogelweibchen, das über dem Geheimnis des werdenden Lebens im Ei brütet. Und das Ei öffnet sich. Die Vereinigung mit dem letzten Sinn findet statt. Der Sohn hat die Mutter gefunden. . . . Nun kommt die große Klarheit, die alles durchdringt, das große, rettende Erkennen des zweitlosen Einen. Aber durch diese Erkenntnis entsteht die Möglichkeit, daß man die Gegensätze in der Erscheinung nicht mehr verfestigt und trennen will, sondern man erkennt sie an und vereinigt sie in höherer Synthese. Man erkennt sein Männlich-Schöpferisches und hält doch fest das WeiblichEmpfangende, man erkennt seine Ehre und weilt doch willig in Schande. Darum bleibt man frei von allen Nöten der Person und kehrt zurück zur ursprünglichen Einfalt. Wer so seine Kindschaft erkennt und seine Mutter (die große Mutter der Welt, das Tao) wahrt, der kommt sein Leben lang nicht in Gefahr. Wer seinen Mund zuhält und seine Pforten schließt, der hat sein Leben lang nicht Mühsal. Er schaut das Kleine, er wahrt die Nachgiebigkeit, darum bleibt seine Person frei von jedem Leid. Wer auf diese Weise gut sein Leben zu wahren versteht, der scheut auch Tiger und Nashorn nicht und vermag selbst ohne Panzer und Wagen durch ein Heer zu schreiten. Denn er hat keine sterbliche Stelle, die verletzt werden könnte, da nichts an ihm zum Widerstand reizt. Von dieser Erkenntnis aus wird er auch sein Handeln einrichten. Er wird immer auf das wirken, was noch nicht da ist, und das in Ordnung bringen, was noch nicht in Verwirrung ist. Denn eben dann sind ja die Keime schon im Unsichtbaren da, von denen das Buch der Wandlungen redet. Auf diese Keime gilt es zu wirken, dann wird sich das, was so in den Keim hineingelegt wurde, zugleich mit dem Wachstum des Keims ganz von selbst mitentfalten, ohne daß man selber irgend etwas macht oder nach außen hin etwas tut. Diese organische Beeinflussung der Keime ist die entscheidende Art der Wirksamkeit dessen, der das Tao erlangt hat. Was so gepflanzt wird, wird nicht ausgerissen. Guter Wanderer läßt keine Spur zurück. Guter Schließer schließt nicht mit Schloß und Riegel. ja, wer auf die Keime zu wirken versteht, zeigt seine geheime Macht auch darin, daß er die entgegenstehenden Kräfte sich ruhig erst auswirken läßt. Was man zusammendrücken will, muß man erst richtig sich ausdehnen lassen. Erst dadurch, daß die eine Kraft durch Auswirkung ihrer Erschöpfung sich nähert, gibt sie die Möglichkeit, daß sie mit Leichtigkeit überwunden wird. Solche Geheimgesetze enthalten freilich Formeln, die zu schwarzer Magie führen können, wie sie denn vom Zaubertaoismus späterer Zeit ebenso ausgenützt wurden, wie von der japanischen Jujitsumethode, oder von dem Staatstaoismus eines Hanfetse. Allein bei Laotse liegt die Sache doch anders. Er sieht wohl den Mechanismus des magischen Wirkens vor sich, aber ihm liegt nichts daran, von diesen Erkenntnissen einseitigen magischen Gebrauch zu machen. Denn das ist seine Größe, daß er in die letzte Einheit des Weltzusammenhangs cindringt, in dessen schweigender Stille keine Gegensätze mehr vorhanden sind, die auszunutzen wären. Darin zeigt sich eben der Unterschied seines Weges von dem Weg des Wissens. Das Wissen geht immer weiter hinaus in die Welt, sucht und forscht und häuft immer mehr Tatsachen an. Aber um das Tao zu erlangen, muß man tiefer hinein in die Innerlichkeit, bis man den Einheitspunkt erlangt hat, wo die einzelne Persönlichkeit die Berührung hat mit der kosmischen Gesamtheit. Von diesem Einheitspunkt aus ermöglicht sich dann die große Wesensschau. Ohne aus der Tür zu gehen, kann man die Welt erkennen. Ohne aus dem Fenster zu blicken, kann man des Himmels Sinn erschauen. Wer diesen Standpunkt hat, der wandert nicht und kommt doch ans Ziel, er schaut nach nichts und ist doch über alles klar, er handelt nicht und bringt doch zur Vollendung. So wird er sein Leben führen als Persönlichkeit, aber das Persönliche, die Maske des Ich, wird ihn nicht mehr betrügen. Er wird seine Rolle spielen wie die andern, aber er hält sich abseits vom Getriebe der andern. Denn er ist frei geworden vom Wahn und schätzt es allein von der Mutter sich zu nähren.

Fortsetzung folgt.

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